Was ist bloss mit Sandro los?!

 „Was ist bloss mit Sandro los?“ fragen sich seine Eltern besorgt. Kaum ist er in die erste Klasse gekommen, schwatzt er dauernd mit seinen Banknachbarn, stört den Unterricht und arbeitet nur, wenn er Lust hat. Oft weiss er gar nicht, was er zu tun hat. Seine Lehrerin merkt, dass er ein schlaues Bürschchen ist und eigentlich viel weiss.  Zum Glück ist sie geduldig.  Sie will ihm noch Zeit geben, damit er sich an das Schulumfeld gewöhnen könne – in der Annahme, dass er dafür wohl noch etwas länger brauche als andere Kinder.

Ihr Wohlwollen ist ein Segen für die Eltern. Dennoch zweifeln diese daran, dass sich Sandros Schwierigkeiten mit der Zeit einfach von alleine verändern werden. Sie holen sich Rat. Bei ihrer Recherche lesen sie, dass die Auffälligkeiten auf eine Aufmerksamkeitsstörung oder auf eine Verhaltensstörung hinweisen könnten. Sandros Eltern wollen nichts verpassen und deshalb frühzeitig handeln können.

Sandro war schon im Kindergarten eine Herausforderung gewesen. Als dickköpfiger Wirbelwind hielt er die Eltern und die Kindergärtnerin auf Trab. Er rief drein wenn er gar nicht gefragt war. Er trotzte zuhause beim Essen und nutzte jede Gelegenheit, seinen Kopf durchzusetzen. Die Eltern wiesen ihn zurecht und schimpften mit ihm. Aber es nützte nichts.

Im Kindergarten half vorerst eine Erziehungsberatung weiter. Sandro brauchte eine starke Führung und viel Anregung. Den Eltern gelang dies und das half Sandro, gut durch den Kindergarten zu kommen.

Kaum in der Schule, fängt das Lied von vorne an: Verhaltensschwierig, unangepasst, schwer steuerbar, unkonzentriert. Alle sind wieder voller Sorgen.

Die Eltern wenden sich an Madeleine Stadler, Psychologin mit dem Schwerpunkt Lern- und Leistungsfragen. Eine Abklärung von Sandro wirft ein neues Licht auf die Situation: Sein weit überdurchschnittlicher IQ platziert ihn in den obersten 2% der Altersstufe. Sein abstrakt-logisches Denken ist ungewöhnlich hoch. Sprachlich ist er den Gleichaltrigen weit überlegen und – man lese und staune – sein soziales Verständnis ist weit überdurchschnittlich. Kein einziges Testresultat kann eine Aufmerksamkeitsstörung unterstützen. Während der Untersuchung ist Sandros Sozialverhalten schlichtweg gut, sowohl in der Kontaktaufnahme, in der Kommunikation wie in der Selbststeuerung. Er arbeitet motiviert und engagiert mit und benutzt weit fortgeschrittene Lösungsstrategien.

Mit den Eltern werden verschiedene Massnahmen diskutiert. Nach einigem Zögern und auch anfänglichem Unglauben, dass mit Begabungsförderungsmassnahmen der ganze Spuk vorüber sein soll, lassen sie ihn in einer Hochbegabtenschule schnuppern. Dort gefällt es ihm sehr und er bleibt. Ein halbes Jahr später berichten die Eltern, sie hätten ein ganz anderes Kind zuhause. Die Verhaltensauffälligkeiten seien verschwunden und er arbeite fleissig und motiviert für die Schule.

Die angenommene soziale und verhaltensbezogene Unreife in Schule hat sich bei Sandro als eine fehlende Passung zwischen seinen Bedürfnissen und den Angeboten des Umfeldes entpuppt. Sandro zeigt nicht nur ein sehr hohes Begabungsprofil - es ist zudem auch breit, indem es sich über viele Fähigkeitsbereiche hinwegzieht. Zu allem hin ist er noch kreativ und experimentierfreudig.

Mit Sandro zeigt sich, dass es sich bei Schwierigkeiten lohnt, genauer hinzuschauen, was ein Kind braucht. Bei manchen hilft dann wirklich etwas mehr Zeit oder viel Geduld. Wieder andere brauchen viel Struktur und Führung oder eine Therapie. Und manchmal braucht ein Kind halt einfach ein Lernumfeld, das ihnen erlaubt, so zu funktionieren, wie sie ticken: nach dem Motto: „Schneller und mehr“.

Autorin: Madeleine Stadler, Fachpsychologin für Kinder- und Jugendpsychologie FSP, speziell Neuropsychologie, Spezialistin für Begabungsförderung, Zertifizierte HANDLE®-Therapeutin, Lerntherapeutin (nach Feuerstein) in eigener Praxis in Zug.

Aktuell:

Weiterbildungstag für Fachpersonen: "Begabungsförderung bei leistungsschwachen und hochbegabten Kindern und Jugendlichen" mit Madeleine Stadler

  • Von: Madeleine Stadler